Mein Vater Bueno

Von den drei Söhnen Antonio Buenos bin ich der jüngste. Als er 1984 starb, war ich nicht einmal zwanzig Jahre alt. Deshalb kenne ich nur die letzte Periode seines Lebens gut, die Periode seiner Berühmtheit. Von den bewegten Jugendjahren meines Vaters, seinem schweren Entwicklungsweg bis hin zur künstlerischen und persönlichen Reife, von allen diesen Ereignissen, die vielleicht die faszinierendsten Seiten seiner Biographie bilden, konnte ich vor allem aus väterlichen Erzählungen erfahren. Später, als ich mich ins Studium seines Lebens vertiefen wollte, waren mir die reiche Dokumentation, die mein Vater aufbewahrt hatte, und besonders seine Schriften, Erinnerungen und Tagebücher, sehr behilflich.

Die Familie von Antonio Bueno hatte eine bewegte Geschichte, die sich in fünf-sechs Ländern Europas abspielte. Es ist nicht leicht, sie zusammenzufassen. Javier Bueno, Antonios Vater, verbrachte sein halbes Leben auf Reisen zwischen dem heimatlichen Spanien, Frankreich und Deutschland, bis er sich endgültig in der Schweiz niederließ. Er hatte zwei Ehefrauen (von denen keine seiner Nationalität angehörte) und vier Kinder. Zuerst war er Journalist, dann Beamter beim Völkerbund, und schließlich Schriftsteller. Anfang der zwanziger Jahre war er einer der bekanntesten und bestbezahlten Journalisten von Madrid. Die politischen Umstände zwangen ihn jedoch, auf die erfolgreiche Karriere zu verzichten und sein Heimatland zu verlassen. Seine erste Frau, die Mutter seiner drei Söhne, lernte er in Paris im Jahre 1910 kennen. Kindheit und Jugend von Antonio, ihrem Drittgeborenen, vergingen in ständigen Reisen und Umzügen. Er wurde 1918 in Berlin geboren, wo sein Vater als Kriegskorrespondent für eine spanische Tageszeitung arbeitete. Sofort nach dem Kriegsende zog die Familie zuerst nach Spanien und dann, 1925, in die Schweiz, nach Genf um. In dieser Stadt beendete Antonio Bueno sein Studium und machte die ersten Schritte in den figurativen Künsten. 

In der Familie sprach man drei Sprachen: das Spanisch des Vaters, das Deutsch der Mutter und das Französisch als Schul- und offizielle Sprache. Obwohl die Kunstleidenschaft Antonios die Regelmäßigkeit seines Studiums störte, erwarb er eine fundierte kulturelle Bildung dank seiner angeborenen Liebe für das Lesen. Die kosmopolitische und für alles Neue offene Atmosphäre in der Familie war in diesem Sinne vielleicht noch besser als die Universitätsräume, die Bueno nicht besuchen konnte. Sehr früh, etwa mit 18 Jahren befreite sich der junge Bueno von patria potestas (der Macht des Vaters), vor allem wegen der Trennung seiner Eltern. Die Familie zerfiel und Antonio kam nach einem Studienaufenthalt in England in Paris bei seinen Bruder Xavier unter.

Die Berufung zur Malerei kam zuerst bei Xavier zum Ausdruck, dem zwei Jahre älteren Bruder, der in vielen Aspekten Antonios einziger anerkannter Lehrer genannt werden kann. Antonio und Xavier - beide sehr frühreif - begannen seit der frühen Jugend ihre enge kreative künstlerische Zusammenarbeit, die sie manchmal sogar zur Vermischung und Verwechslung ihrer Pinselstriche auf derselben Leinwand führte. Statt den akademischen Regeln zu folgen, wollten die Brüder selbstständig die figurative Kunst von ihren Anfängen an kennen lernen. So besuchten sie die größten Museen Europas und studierten Reproduktionen der großen italienischen, spanischen und flämischen Meister der Vergangenheit aus Kunstbüchern.

Die jungen Künstler wollten sich zuerst in Paris niederlassen, wo sie ein Atelier gemietet hatten und Xavier in zwei Jahren schon einen gewissen Ruhm erlangte. Ihr Umzug nach Italien geschah unfreiwillig. Diese Reise wurde von den beiden Künstlern als eine klassische "Italienische Reise" geplant, welche jeder selbstbewusste Künstler über kurz oder lang unternehmen musste. Aber in Wirklichkeit gelang es ihnen nie mehr, sich von Florenz zu trennen, der Stadt, wo sie ihr ganzes Leben verbrachten. Die Hauptstadt der Toskana sollte eigentlich nur der erste Aufenthaltsort auf der Studienreise sein, die auch nach Siena, Rom und in andere Städte Mittel - und Süditaliens führen sollte. Solange das Geld reichte und bis die dròle de Guerre, die die Rückkehr der Brüder nach Paris verhinderte, in irgendeiner Weise beendet wurde, wollten die Brüder dieses Land bereisen. Aber als nach einigen Monaten auch Italien in den Krieg eintrat, wurde das Vorhaben unmöglich. 

Auch ihre ersten italienischen Ausstellungen waren eher ein Zufall. Zu jener Zeit malten sie vor allem nur um zu üben, um ihre akademische Ausbildung, die sie für lückenhaft hielten, zu vervollständigen. Sie dachten nicht einmal an die Existenz eines Publikums. Sie korrigierten, verwarfen und, um Material zu sparen, malten sie auf schon fertigen Bildern. Der Erfolg, mit dem ihre Werke empfangen wurden, war also eine wirkliche Überraschung. Im Glauben, nur Italienreisende zu sein, dachten die Brüder nicht einmal daran, die in Florenz tätigen Maler und Schriftsteller, also die aktiven Vertreter der dortigen Kultur kennen zu lernen. Sie wussten nicht einmal von deren Existenz. Es war die Frau von Xavier, Julia, Schriftstellerin und Pianistin, die sie z.B. über die Versammlungen im Café "Giubbe Rosse" informierte. Auch die ersten Bekanntschaften mit Annigoni, Sciltian und De Chirico waren ein Zufall. Warum wählten sie eigenlich Florenz? Eine Frage, die sich die Brüder mehrmals gestellt haben müde. Das Florentiner Milieu bot keine Karrieremöglichkeiten, und sollte den zwei jungen Malern, die in Paris gelebt hatten, nicht besonders anregend und produktiv erscheinen. Die Hauptstadt der Toscana konnte jedoch für ihr einsamkeitsliebendes und sehr persönliches künstlerisches Studium zum besseren Wohnsitz als Paris werden. Als der Krieg zu Ende war, fühlten sie sich in Florenz aus vielen praktischen Gründen schon verankert. Sie waren bereits als Porträtmaler bekannt, hatten eine respektvolle Kundschaft aus dem hochbürgerlichen Milieu, waren verheiratet und hatten Kinder.

Zuerst war Antonios Leben in Florenz ziemlich hart, besonders unmittelbar nach der "Trennung" vom Bruder Xavier (1949). Teilweise war es aber die Folge seiner eigenen Wahl. Wenn er es gewollt hätte, hätte er sich einen guten lokalen Ruf als Porträtmaler erwerben können. Aber er bevorzugte das Experimentieren und schwamm immer gegen den Strom. Seine Entscheidungen schienen mal verfrüht mal zu spät zu kommen. Ihn beherrschte das ständige Bemühen nach Originalität, die erst am Ende seines Lebens richtig belohnt wurde und das um den Preis großer Opfer. In den vierziger Jahren schuf Bueno Werke von einem raffinierten und unvergleichbaren Realismus, was sich als ziemlich riskant erwies. Die Kritiker vernachlässigten nämlich die "poveristische" Intention seiner Stilleben und wollten darin nur eine reaktionäre Neigung sehen. Dann folgte die sogenannte Pfeifenperiode (1952-1959). In den Gemälden aus dieser Periode, die einen interessanten Kompromiss zwischen Abstraktion und Figuration darstellten, waren die Darstellungen von Personen und Landschaften durch die der Gegenstände mit methaphysischer Bedeutung ersetzt worden. Das waren Gipspfeifen, die Antonio und Xavier als Studenten geraucht hatten, Eierschalen, Bleistifte und Pinsel. Die Aktivität Buenos erreichte ihre größte Intensität im Laufe der sechziger Jahre, als er praktisch zum Koordinator der Florentiner Avantgarde aufstieg. Er rief zahlreiche Ausstellungen und andere Veranstaltungen ins Leben und widmete sich der provokativen Malerei (monochromatische Malerei, visuelle Poesie, Malerei "als Meterware" u.s.w.). 

Die fünfziger und die sechziger Jahre waren für den Künstler und seine Familie mit wenigen Ausnahmen Jahre voller ernster Sorgen und Schwierigkeiten. Die Malerei Buenos fand keine Nachfrage auf dem Kunstmarkt. Außerdem schienen seine Werke nur außerhalb von Florenz Interesse hervorzurufen (z.B. in Mailand) und auf jeden Fall mehr im Ausland als in Italien (seine erste wirklich erfolgreiche Ausstellung fand 1959 in New York statt). Außer ständigen finanziellen Problemen musste der Künstler während dieser schwierigen zwanzig Jahre auch gegen die künstlerische und persönliche Isolierung, zu der ihn sein Stand als Ausländer verurteilte, kämpfen. In diesem Sinne kann auch sein Beitritt zu verschiedenen Bewegungen und Strömungen der Avantgarde (die "Gruppe'70", die "Neue Figuration" etc.) als ein Versuch verstanden werden, die Aufmerksamkeit der Kritiker und der Kollegen auf sich zu ziehen.

Schon in den fünfziger Jahren überzeugte sich Bueno von der Notwendigkeit, die italienische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Diese erwarb er erst nach dem dritten Versuch, im Jahre 1970, nachdem er an die Kulturkreise appelliert, Unterschriften gesammelt und eine Petition an den Präsidenten geschickt hatte. Im Hinblick auf das Problem der Staatsbürgerschaft sei auch erwähnt, wie unterschiedlich die Reaktion der drei Brüder Bueno auf die entstandenen Schwierigkeiten war: Antonio setzte auf Italien, Xavier blieb seinem Zustand des Staatenlosen treu und Guy, der ältere Bruder, kehrte nach Spanien zurück. Das Streben nach der Italienisierung ließ ihn weder den eigenen Wurzeln noch dem angewohnten Kosmopolitismus untreu werden. Im Gegenteil, man kann sagen, dass für ihn die französische Kultur sein ganzes Leben am nächsten war. Die meisten Bücher in seiner Bibliothek waren in französischer Sprache, seine Lieblingsautoren waren Franzosen (Rimbaud, France, Céline, Simenon), seine letzte Liebe in der Malerei galt dem Franzosen Ingres. In Italien wohnend, stand er weiter im Kontakt mit französischen Intelektuellen wie Albert Camus, Lucien Goldman oder Yves Velan. Italienisch sprach er schließich immer mit etwas Akzent.

Am Ende der sechziger Jahre begannen im Leben und in der Malerei von Antonio Bueno bedeutende Veränderungen vor sich zu gehen. Vor allem war es seine endgültige Trennung von der Avangarde: Der Künstler kehrte zur offensichtlich "neopassatistischen" oder, wie er sie selbst nannte, "neokitschigen" Malerei zurück. Die Periode der Kämpfe und des Experimentierens war zu Ende. In den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens nahm er an sehr wenigen kollektiven Ausstellungen teil. Er hatte jetzt weniger Freunde, besuchte kaum noch die mondänen Veranstaltungen und reiste sehr selten. Früher eine öffentliche Persönlichkeit, ein Präsentialist, der viele Jahre lang Demiurg des (nicht nur) Florentiner künstlerischen Lebens war, zog er sich in sein 20 Kilometer von Florenz entferntes Haus auf einem vom Wald bedeckten Hügel zurück. Die Veränderung der Gewohnheiten wurde aber teilweise von der Verschlechterung seines Gesundheitszustandes bestimmt. Bueno litt an Leberzirrhose, die wahrscheinlich vom langen Kontakt mit den in Farben und Lösmitteln enthaltenen Schadstoffen verursacht wurde.

Der Arbeitsrhytmus Antonios blieb aber so wie früher, vielleicht wurde er auch schneller. Der Beruf des Malers gehört zu den Berufen, die kein Wochenende und keine Ferien kennen. Bueno nahm z.B. immer die Staffelei und die Farben mit, wenn er für den Sommerurlaub nach Mallorca zu seinem Bruder Guy fuhr. Er arbeitete sogar nachts, wenn er an Schlaflosigkeit litt. Er verließ sein Atelier praktisch nur während der Mahlzeiten. Jedes Bild, auch das kleinste, forderte ganze Tage Arbeit. Um die Farbe von Tag zu Tag frisch zu halten und damit weiter arbeiten zu können, mischte er sie mit Öl und Erdöl. Ein anderes nützliches System bestand darin, die noch nicht fertigen Bilder im Kühlschrank aufzubewahren. Um dann das überflüssige Öl zu absorbieren, gebrauchte er Zeitungspapier.

Die ständige Arbeit ließ anderen Beschäftigungen und der Erholung kaum Freiraum. Es blieb ihm auch für die Familie sehr wenig Zeit. Neben der Malerei interessierte er sich immer für die Musik (wovon auch die zahlreichen Concertini seiner reifen Schaffensperiode zeugen). Als Kind hatte er neun Jahre lang Geigenspiel gelernt, dann ging er zum Klavierspiel über. Jetzt brauchte er die Musik vor allem als Hintergrund seiner endlosen Malereianstrengungen. Jemand - gewöhnlich war es die Ehefrau Evelina - musste bei ihm sein und die Schallplatten auf dem alten Grammophon wenden (wenn er es selbst machte, blieben an der Platte typische farbige Fingerabdrücke haften). Mit der Lektüre konnte er sich jedoch nur nachts beschäftigen (wieder dank seiner Schlaflosigkeit): Auf diese Weise konnte er z.B. im Winter 1982 die ganze Recherche von Proust lesen.

Sein letzter professioneller Kraftakt, eine wahre Tour de force, war die Vorbereitung der Gemälde für die Biennale in Venig 1984, wenige Monate vor seinem Tod. Zu diesem Anlass wollte er eine Reihe der D'Après im Großformat anfertigen, was für den Maler schon etwas ungewohnt war. Die D'Après-Bilder, Imitationen oder Neubearbeitungen bekannter Gemälde aus vergangenen Zeiten, beschäftigten den Künstler seit dem Ende der siebziger Jahre. Mit den Jahren wurde dieses Genre zum am weitesten gereiften und persönlichsten Teil seines Schaffens. In den Monaten, als er für die Biennale arbeitete, war er schon krank und sehr geschwächt, aber der Enthusiasmus, die angefangenen Werke zu vollenden, und die Dringlichkeit, seinen Verpflichtungen nachzukommen, gaben ihm offensichtlich die Energie, weiter zu arbeiten. Der Zusammenbruch kam jedoch einige Tage nach der Eröffnung der Biennale, Anfang Juni.

Was Antonios Charakter anbetrifft, so war er ohne Zweifel eine originelle Persönlichkeit, wenn auch nicht ganz so exzentrisch, wie nach der allgemeinen Meinung ein Künstler sein muss. Er war unordentlich, manchmal jähzornig; seine typischste Charaktereigenschaft war jedoch die Zerstreutheit. Wegen seiner ständigen Vergesslichkeit verlor er viel Zeit mit der Suche nach seinen Sachen. Er verlor immer diesselben Gegenstände: die Brille, die Baskenmütze, das Notizbuch mit den Telefonnummern. Dann gab es eine verzweifelte Jagd, die alles und alle hineinzog und in jedes Zimmer des Hauses drang.

Er war außerdem ein faszinierender Gesprächspartner, fähig, ein Telefongespräch über alle vernünftigen Grenzen auszudehnen, ziellos, nur aus Lust am Sprechen. Der Charakter seiner Malerei unterschied sich von dem seiner Persönlichkeit bedeutend, manchmal war er sogar ihr Gegenteil. Die Reinlichkeit und die Präzision, die er in seine Gemälde legte, waren seinem Temperament völlig fremd und standen zu seinem chaotischen Lebensstil im Kontrast. Sein Atelier beeindruckte die Besucher durch das Chaos und die Schmutzigkeit. Und er selbst hatte nur alte Jacken und weite Hosen mit zahlreichen Farbflecken an. Der Mensch, der in seinem Alltagsleben so temperamentvoll und expansiv war, wurde beim Malen verschwiegen: er vermied jede Rhetorik, jedes Angeben er machte nur feine Allusionen.

Gerade das ist die wichtigste Tatsache für die Interpretation der Malerei von Antonio Bueno. Jene erstaunten, verwunderten Gesichter (erstaunt vielleicht über die Absurdität des Lebens) verraten keine Gedanken oder Gefühle, denn sie versuchen, diese Gedanken und Gefühle um jeden Preis zu verschweigen. Das ist die Malerei des Unausgesprochenen, keinesfalls einfach und oberflächlich, wie sie sich zu geben versucht.