Künstlerische Bildung zwischen Genf und Paris (1934 - 1939)

In Genf machte Antonio auch seine ersten politischen Erfahrungen. Zwischen 1934 und 1936 besuchte er zusammen mit seinem Bruder Xavier eine Filiale der kommunistischen Partei, in welche sie von ihrem Freund Maurice Pianzola, dem späteren Direktor des Genfer Museums der Modernen Kunst, eingeführt wurden. Die kommunistischen Aktivitäten der Brüder Bueno waren aber nicht von langer Dauer, sie endeten 1939 mit der fatalen Enttäuschung über den Molotov-Ribbentrop-Pakt über die Aufteilung Polens. Aber auch früher waren sie keine treuen Mitglieder der kommunistischen Partei, deren Genfer Filiale sie des Trotzkismus anprangerte.

In diesen Jahren erschütterte auch eine heftige Krise die schon beschriebene "relative Stabilität" der familiären Verhältnisse in der Familie Bueno. Das Familienoberhaupt Javier verband sich nämlich mit einer jungen Schweizerin. Im Einklang mit seiner antikonformistischen Moral erkannte er diesem neuen Familienbund (die Frau gebar ihm eine Tochter) die gleichen Rechte zu wie seiner rechtmäßigen Ehe. Am Anfang versuchte er sogar, mit zwei Frauen zugleich zu leben und auf diese Weise eine echte ménage à trois zu schaffen. Dann sah er sich aber gezwungen, seine rechtmäßige Frau aus dem Heim zu entfernen. So zerfiel die Familie Bueno, und ihre Mitglieder begannen wieder, ein Wanderleben zu führen. Die drei Söhne begleiteten die Mutter in ihr Exil, verließen die Schweiz und ließen den Vater allein mit seiner neuen Familie. Im Jahre 1935 reiste Antonio zusammen mit Xavier nach England, und im folgenden Jahr begab er sich zum ersten Mal nach Paris. Zwischen seinen Reisen kehrte er von Zeit zu Zeit in das Maison de verre zurück. Sein Aufenthalt dort wurde jedoch immer kürzer.

Schließlich ließ er sich in Paris nieder und kam bei seinem Bruder Xavier unter, der dort schon seit zwei Jahren lebte und arbeitete und das Leben eines echten Bohémien führte. Von diesem Zeitpunkt an und während der folgenden zehn Jahre, entwickelte sich zwischen ihnen eine vollkommene Solidarität, sowohl im künstlerischen, wie auch im materiellen Sinne. So lassen sich viele parallel verlaufende Ereignisse in ihrem Leben nicht trennen, sie können nur in einer gemeinsamen Biografie erfasst werden. Und das nicht nur wegen ihres Zusammenlebens in Frankreich und Italien und der unmittelbaren Nähe zueinander, sondern vielmehr wegen ihres gegenseitigen Einflusses, welcher für das stilistische Reifen der beiden entscheidend war, und auch wegen der engsten künstlerischen Zusammenarbeit, die sogar zur Vermischung und Verwechslung ihrer Pinselstriche auf derselben Leinwand führte. 

Neben seiner Tätigkeit als Werbegrafiker besuchte Antonio in Paris die Vorlesungen von Professor Guérin in der École des Beaux-Arts, die sich vor allem auf das Studium des Kunststils von Cézanne konzentrierten. Sein bester Lehrer war jedoch sein Bruder Xavier, besonders was die Technik und die Präzision der Zeichnung betraf. Die beiden Brüder wurden von den großen italienischen, spanischen und flämischen Meistern der Vergangenheit inspiriert. Sie wollten nicht unter den Einfluss des akademischen Unterrichts, nicht einmal unter den der modernen Tendenzen der École de Paris, kommen. Sie wollten selbst die figurative Kunst von ihren Anfängen an kennen lernen, indem sie Museen besuchten und Reproduktionen aus Kunstbüchern studierten (die väterliche Bibliothek war sehr reich an solchen Büchern). Indem sie alle anderen Einflüsse sorgfältig mieden, gelang es den beiden Künstlern, die alte Maltechnik, die schon ganz verschwunden zu sein schien, wiederzuentdecken und ins Leben zurückzurufen.

Die frühen Werke der beiden Brüder zeugen von ihrer offensichtlichen Verwandtschaft, von der Identität ihres Geschmacks und Stils. Spätestens bis 1949, also zehn Jahre lang, hatten sie gemeinsame künstlerische Absichten in Bezug auf den Inhalt der Bilder und die Arbeitsweise. Auch die Kritiker sprechen von keinen bedeutenden Unterschieden zwischen den Werken der zwei Brüder während dieser Schaffensperiode. In Wirklichkeit aber gab es von Anfang an neben zahlreichen Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten in ihrem Schaffen auch entscheidende Differenzen. Sie wurden mit den Jahren immer schärfer, was die Kunststile der beiden Maler unterschiedlich und manchmal auch gegensätzlich machte. Die ersten Werke von Xavier waren große allegorische und didaktische Gemälde, die auf einen emotionalen Eindruck abzielten. Das waren die Jahre des spanischen Bürgerkriegs, und Gemälde wie "Der verletzte Milizionär" spielten ganz deutlich auf die tragischen Kriegsereignisse an. Diese Bilder hatten einen sofortigen Erfolg in Paris, und Xavier gelang es sogar, sie in allen wichtigen Salons dieser Zeit auszustellen, was außergewöhnlich für einen Künstler seines Alters war. Auch die Kritiker begrüßten einstimmig seine Werke. Die ersten künstlerischen Versuche von Antonio gingen in eine andere Richtung. Er teilte nicht das Interesse des Bruders für soziale Themen, sondern bevorzugte die anspielenden, feinen Mitteilungsformen. Außerdem stand er im Unterschied zu Xavier der modernen Kunst nie ganz gleichgültig gegenüber, und schon in Genf zeigte er ein großes Interesse für den "metaphysischen" De Chirico. Ihn begeisterte auch der schweizerische Maler François Barraud mit seiner anachronistischen Disziplin der Objekte. Was die Literatur betraf, waren vor allem die großen "Rebellen" wie Villon, Rimbaud, Céline und Jarry seine Lieblingsautoren. Und noch ein wichtiger Unterschied: Antonio war die düstere, spanische Stimmung in den Bildern seines Bruders fremd. Schon in seinen ersten Werken zeigte sich die Vorliebe für ganz andere Techniken, wie z.B. Ironie und feine Anspielung.