Die Trennung von Xavier und die Periode des "Numero" (1950-1955)

Als die stürmische Zeit der "modernen Maler der Realität" schon vorbei war, fühlte Antonio Bueno die ganze Dringlichkeit, sich im kulturellen Kontext der eigenen Epoche neu zu bestimmen und seine unproduktive Isolierung zu überwinden. Die wichtigste Neuigkeit aber bestand darin, dass er diesen neuen Übergang allein, ohne seinen Bruder Xavier, unternehmen musste. Ihre Beziehungen waren nach zehn Jahren der fast absoluten Symbiose an einem Tiefpunkt angelangt.

Die Ursachen für die plötzliche Meinungsverschiedenheit zwischen Antonio und Xavier muss man vor allem in der immerwährenden Unterschiedlichkeit ihrer künstlerischen Persönlichkeiten suchen. Nach Jahren des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit begannen die Brüder die natürliche Notwendigkeit zu fühlen, eigene Wege zu beschreiten. Besonders der jüngere Antonio brauchte dringend seine Unabhängigkeit. Dies ließ sich nur durch den Konflikt mit dem älteren Bruder erreichen. Allen Ähnlichkeiten (auch der physischen) und gemeinsamen Vorlieben zum Trotz, wurden den Brüdern zwei völlig gegensätzliche Charaktere zuteil. Xavier hatte viel vom spanischen Stolz: er brauchte niemanden und war unabhängig. Antonio hingegen verlangte es, akzeptiert zu werden. Vielsagend, weil völlig gegensätzlich, sind in diesem Hinblick weitere Phasen ihrer Italienisierung: Antonio bemühte sich sehr lange um die neue Staatsbürgerschaft, die er schließlich nach einer Reihe von Misserfolgen 1970 erwarb. Er schuf um sich eine authentisch italienische Familie, die fähig war, seinen angeborenen Kosmopolitismus abzuschwächen und auch ganz aufzulösen. Ganz anders Xavier. Nachdem sein erster Versuch, italienischer Bürger zu werden, misslungen war, wollte er sein Gesuch nie mehr wiederholen. So lebte er wie früher völlig abgesondert, eingeschlossen in einer Art von Enclave, von fremdem Land umgeben.

Die auffälligste Folge der wachsenden Abkühlung der Beziehungen zwischen beiden Brüdern war, dass Antonio die "Stammesgemeinschaft" in der Villa "Il Pozzo" im Jahre 1949 verließ und in die via di Camerata, ins Haus seiner Schwiegereltern, einzog. Nach der Trennung endete ihre Zusammenarbeit allmählich. Ihre letzte gemeinsame Ausstellung fand im Jahre 1952 in der Galerie "Numero" in Florenz statt. Erst 16 Jahre später sollten sie ihre Werke wieder gemeinsam ausstellen. 1953 kam es zum endgültigen Bruch zwischen den Brüdern, der aber nicht absolut war, sondern vor allem ihr Schaffen betraf. Die persönliche Zuneigung und die gegenseitige Vertraulichkeit blieben erhalten. Davon zeugen auch folgende Erinnerungen an den Bruder Xavier aus dem Tagebuch von Antonio (März, 1983):

Ich denke immer viel an ihn. Ich bewundere ihn, obwohl ich ihn auch für seine Fehler kritisiere. Aber trotz dieser Kritik, die ich zum großen Teil auch selbst verdient habe (außerdem habe ich andere Nachteile, die er nicht gehabt hatte), fühle ich mich nach seinem Tode weniger lebendig, so als ob auch ein Teil von mir mit ihm gestorben wäre.

Im Jahre 1949 begann im Schaffen von Antonio Bueno eine Periode, in der seine künstlerische Suche persönliche und entscheidende Züge annahm. Die ersten Schritte in dieser Richtung stellten einen totalen Umsturz, ja fast eine Vernichtung aller vorherigen Erfahrungen dar. Von 1950 an begann der Künstler für die Zeitschrift der abstrakten Kunst "Numero" in Florenz zu arbeiten, und wurde sogar ihr Redaktionssekretär. Seine Mitarbeit mit Fiamma Vigo, der Gründerin dieser Zeitschrift, und anderen Vertretern der Florentiner abstrakten Kunst dauerte bis 1955 an. Es gab einige Gruppenausstellungen, auf denen Antonio seine neuen Werke im Stil der geometrischen Malerei ausstellte. Die Verwandlung konnte nicht schneller und radikaler sein. Bueno ging von der schärfsten und detailliertesten figurativen Malerei direkt zur abstrakten Kunst über, ohne die geringste Mittelstufe. Die Notwendigkeit einer solchen "Konversion" hatte taktischen Charakter. Durch ein "reinigendes Bad" in der abstrakten Kunst wollte er eine Versöhnung mit jenen kulturellen Mächten erreichen, die sich bis jetzt seinem Schaffen widersetzt hatten.

Die künstlerische Strömung, die sich um die Zeitschrift und die Galerie "Numero" bildete, war eher eine Ausnahme, eine Extravaganz für das Florenz der 50er Jahre (und vielleicht nicht nur für Florenz). Das war ein Treffpunkt vieler Intellektueller und nonkonformistischer Künstler, einer jener seltenen Orte, zu dem verschiedene neue künstlerische Tendenzen freien Zugang hatten. Besonders die Zeitschrift, die in vielen Sprachen veröffentlicht wurde und im Ausland verbreitet war, spielte eine wichtige Rolle, indem sie das Publikum mit Werken solcher Maler wie Bertini, Pomodoro, Vedova, Capogrossi bekannt machte. Unter anderem veröffentlichte sie die Poesie des damals noch sehr jungen und unbekannten Sanguineti. 

In dieser Periode hat Antonio Bueno Bilder geschaffen, die sich nicht ans Publikum richteten. Sein Ziel bestand vor allem darin, die Kritiker zu besänftigen und die Isolierung zu überwinden. Gleichzeitig arbeitete er auch auf Bestellung, malte Porträts und Stillleben, die seine alten Kunden bestellten. Sein Schaffen ging lange diese zwei parallelen Wege. Einerseits schuf er Gemälde, die mit der Entwicklung seines Kunststils im Einklang standen und die für die Ausstellungen und Publikation bestimmt waren. Andererseits gab es auch Werke, die das unmittelbare Interesse des Publikums erwecken sollten. Erst nach vielen Jahren wird es ihm gelingen, einen Stil zu erarbeiten, der sowohl den Forderungen der Kritiker als auch dem Geschmack des Publikums entsprechen wird.

Bis zum Ende der fünfziger Jahre fand die Malerei Buenos kaum Absatz. Die einzige nicht immer sichere und ausreichende Einnahmequelle des Malers war die enge persönliche Kundschaft, die die Brüder Bueno seit Kriegsende erworben hatten. Besonders gefragt waren natürlich Porträts, die im Vergleich zu anderen Genres eine besonders langsame und aufwendige Ausführung erforderten.

Eine solche Beschäftigung war nicht sehr einträglich. Außerdem nahmen seine Aktivitäten in der "Numero" und bei anderen Veranstaltungen viel Zeit in Anspruch, was die finanzielle Lage der Familie Bueno noch prekärer machte. Eine Belastung war aber nicht nur das alternative künstlerische Suchen des Malers. Die aktive organisatorische Tätigkeit, das Schreiben von polemischen Artikeln während schlafloser Nächte, das ewige Streiten und Diskutieren erschöpften allmählich seine Kräfte. Die fünfziger Jahre wurden für seine Familie Jahre der ständigen, ernsten finanziellen Sorgen. Der Umzug in die via di Camerata bedeutete zudem eine beträchtliche Einengung des Wohraumes und beraubte den Künstler sogar des für seine berufliche Tätigkeit so wichtigen Ateliers. Er wohnte im ersten Stock des kleinen Hauses seiner Schwiegereltern und in den ersten Jahren war er sogar gezwungen, den sonst schon geringen Wohnraum noch mit zwei anderen Mitbewohnern zu teilen.

Während dieser unglücklichen Periode musste Antonio oft wegen großer finanzieller Schwierigkeiten zeitweise Florenz verlassen. Den Winter 1951 verbrachte er zum Beispiel bei seinen Verwandten mütterlicherseits in Holland. Die Kosten für die Unterkunft deckte er, indem er Porträts seiner Gastgeber malte. Von Zeit zu Zeit wohnte er auch bei seinem Vater in der Schweiz, in Gryon, einem Bergdorf des Kantons Waadt.

Die bescheidenen Fortschritte in der Karriere des Malers ließen manchmal pessimistische Gedanken bei ihm aufkommen. Zuweilen dachte er sogar daran, seinen Beruf zu wechseln. Zwischen 1955 und 1956 erwog er, eine Stelle bei der UNESCO mit Sitz in Paris einzunehmen. Das Beherrschen von fünf europäischen Sprachen und seine vielseitige kulturelle Ausbildung könnten ihm, seiner Meinung nach, die Anstellung als internationaler Beamter oder Leiter, wie es sein Vater einst gewesen war, ermöglichen. Zum Glück erwiesen sich seine Hoffnungen als unbegründet. Xavier dagegen, der in diesen Jahren mehr oder weniger die gleichen Sorgen teilte, dachte nie daran, aufzugeben. Sein Glaube an die eigene künstlerische Berufung war vielleicht stärker, oder vielleicht wusste er immer, dass er im Leben nichts anderes tun konnte, als malen.