Die Trennung von der Avantgarde und der "Neopassatismus" der letzten Jahre (1969- 1984)

Ende der sechziger Jahre erlebte Antonio Buenos Kunst eine neue Stiländerung, die zum Wendepunkt in seiner künstlerischen Karriere wurde. Seine Trennung von der Avantgarde vollzog sich Ende 1968, dem Jahr, als die "Gruppe '70" aufgelöst wurde. Im Dezember 1968 schrieb der Künstler einen offenen Brief, in dem er einen eher ironischen als polemischen Ton anschlug, an Sergio Salvi, einem der Gründer der "Gruppe '70". Das Dokument ist des vollständigen Zitierens wert:

Meine gegenwärtige Unduldsamkeit der Avantgarde gegenüber, die Unduldsamkeit, deretwegen ich mich sogar als "Neoretroguardist" bezeichnen kann, zeigt vor allem, was für ein unheilbarer Romantiker ich bin. Nicht nur die Perfektion der Werke von vielen "experimentellen" (Versuchs-) Künstlern begann mich zu langweilen, sondern der Gedanke selbst, dass es von solchen Künstlern so viele gibt. Einstmals bedeutete die Zugehörigkeit zur Avantgarde verschiedene Entbehrungen und Risiken. Der Künstler, ein armer und unverstandener Held, ging allein ins große Niemandsland (terra di nessuno), das jenseits der offiziellen Kunst lag. Mit dem Fortschritt aber hat sich die Situation verändert. Seitdem alle verstanden haben, dass die Avantgarde eine der besten Investitionen ist, ist sie von einer Gruppe der Neuerer zur Gemeinschaft praktisch aller Künstler angewachsen. Als Ergebnis haben wir dieses Gedränge, über das ich mich demokratisch freuen müsste, so, wie sich darüber die Kunstkritiker freuen: Gottseidank, seitdem wir alle der Avantgarde angehören, ist vom Akademismus keine Spur mehr geblieben. Mich aber stört die Tatsache, dass es unsereins so viele gibt. So habe ich gemerkt, dass die Massenbewegung der Künstler zur Avantgarde hin die Retrospektive in eine riesige Wüste verwandelt hat. Das Niemandsland liegt jetzt dort, wo sich früher eine ganze Armee befand. Für die Liebhaber der Einsamkeit ist es jetzt ein sicherer Platz. Ein seltsames Land ist es aber, voll von Schutt aller Art, von verlorenen Gegenständen, platzraubenden Dingen, die in der Eile der Abfahrt zurückgelassen wurden.

Seit dieser Zeit kehrte Bueno endgültig zur Figuration zurück und begann Bilder zu malen, die er ironisch als "Neokitsch", "neopassatiste", "neoromantische" bezeichnete. Solche Versuche schienen ihm nicht mehr unanständig zu sein. In seiner Absicht lag es, den neuen avantgardistischen Konformismus des "nicht Ästhetischen" genau durch ästhetische Malerei, eine gefällige und technisch akkurate Malkunst, zu bekämpfen und zu besiegen. Natürlich blieb wie immer das Risiko des oberflächlichen Verstehens dieser Malerei, der Vernachlässigung der Anspielungen, des Verborgenen, der Bedeutung des Kontextes angesichts der scheinbaren Einfachheit dieser Gemälde.

Während die künstlerische Tätigkeit Buenos diese Stilveränderung erlebte, trat in seinem Leben auch eine Veränderung ein. Die Preise für seine Bilder begannen plötzlich zu steigen, auf dem Kunstmarkt wuchs die Nachfrage nach seinen Werken. Bis 1970 hatte Bueno seine Werke nach und nach überall außer in Florenz verkauft. Und jetzt begannen auch die Florentiner, seine Malerei für sich zu entdecken. Der Maler hatte also den längsten und schwersten Weg zum Erfolg gewählt. Wenn er es gewollt hätte, hätte er sich schnell einen guten Ruf in Florenz erwerben können, indem er für seine Malerei gefragte Themen und Gegenstände ausgewählt hätte, wie er es auch für einige Zeit in seiner Jugend getan hatte. Aber er wählte eine ehrgeizigere Karriere auf nationaler und internationaler Ebene. Er schuf seinen Erfolg also nicht in den vier Wänden seines eigenen Hauses, sondern importierte ihn nach Florenz, nachdem er ihn im restlichen Italien und im Ausland erlangt hatte. Dieses Unternehmen erforderte viel Zeit und Kraft, aber letzendlich brachte es Antonio Bueno große und dauerhafte Anerkennung.

Der Erfolg auf dem Markt kann oftmals im Repertoire des Künstlers eine Art von Kristallisation verursachen. So etwas ereignete sich auch im Fall von Antonio Bueno, besonders während der letzten zwanzig Jahre seines Schaffens. Dabei soll man aber nicht sein außergewöhnliches Streben nach Sorgfalt und Vollkommenheit, die sein Schaffen bis zuletzt bestimmten, außer Acht lassen. In diesem Sinn waren sowohl Antonio wie auch sein Bruder Xavier wirkliche Sklaven des Pinsels: nachdem sie die ausdrucksvollen Techniken und Mittel der großen Malerei der Vergangenheit für sich entdeckt hatten, blieben sie ihnen für immer treu und waren in ihren Prinzipien, in ihrer Neigung zur figurativen Kunst bis zuletzt konsequent. 

Im Jahre 1970 hatte Bueno auch auf einem anderen Gebiet Glück: endlich gelang es ihm, die italienische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Dieser Anerkennung gingen der mühevolle Weg durch die italienische Bürokratie und andere unangenehme Ereignisse voraus. Zweimal, 1956 und 1965, wurde sein Antrag von den Behörden ohne bedeutenden Grund zurückgewiesen. Es scheint merkwürdig zu sein, aber diese Entscheidung wurde von einer alten Anklage beeinflusst: während des Faschismus in Italien war Antonio Bueno als "subversiv" registriert worden. Bevor er die italienische Staatsbürgerschaft nicht erhielt, konnte er aber weder an den Akademien unterrichten noch an den internationalen Ausstellungen an der Seite der anderen italienischen Künstler teilnehmen. Außerdem hatte er keine politischen und bürgerlichen Rechte. Schließlich musste man einen anderen Ausweg aus dieser peinlichen Situation finden: man organisierte ein Komitee, das eine nationale Bittschrift einreichte. Zur Unterstützung des Antrags des Künstlers wurden die Unterschriften von hundert italienischen Intellektuellen gesammelt. Die Senatoren Eugenio Montale und Carlo Levi schlugen vor, eine Anfrage ans Parlament zu stellen. Aber diesem Schritt kam zum Glück die Veröffentlichung des Erlasses des Präsidenten zuvor, der Antonio Bueno zum italienischen Staatsbürger erklärte.

Ebenfalls im Jahre 1970 verließ Bueno das Haus in der via di Camerata, in dem er seit 1949 wohnte, und zog mit seiner Frau, den drei Kindern und der Schwiegermutter in ein 15 Kilometer von Florenz entferntes Landhaus. Er kaufte dieses große Haus, mitten im Wald gelegen, auf dem Hügel von Montereggi, der zum Bezirk von Fiesole gehört. Dieses Haus wurde zu seinem letzten Wohnsitz. Hier verbrachte er die letzten vierzehn Lebensjahre, die ihm noch blieben. Die Isoliertheit seiner neuen Unterkunft und die beträchtliche Entfernung von der Stadt entfernten ihn allmählich vom mondänen Leben. So konnte er sich in dieser letzten Periode seines Schaffens fast ohne Ablenkung der Malerei widmen. Ganze Tage und oft auch Nächte, wenn er an Schlaflosigkeit litt, verbrachte er in seinem großen Atelier. Das Telefon wurde zum einzigen Mittel des Kontaktes mit der Außenwelt. 

Weitere für die Karriere des Malers wichtige Ereignisse dieser Zeit waren seine zweite Einzelausstellung in New York, zu der Carlo Ludovico Ragghianti den Katalog zusammenstellte (1973), sowie eine große Monografie über das Schaffen Buenos von Edoardo Sanguineti und Wanda Lattes, die 1974 im Verlag Feltrinelli erschien.

In seinen letzten Lebensjahren erreichte der Künstler eine relative finanzielle Stabilität, aber an Stelle seiner alten finanziellen Sorgen traten gesundheitliche Probleme. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich sehr schnell. Er litt an Leberzirrhose, die 1975 endgültig diagnostiziert wurde. Wahrscheinlich war sie Folge einer verschleppten Hepatitis und auch des täglichen Kontaktes mit den in Farben und Lösungsmitteln enthaltenen Schadstoffen. Die Ärzte warnten ihn vor dieser Gefahr, aber natürlich konnte man nicht damit rechnen, dass er zu malen aufhörte. Außerdem zwang ihn seine neue Maltechnik, in vielen Fällen mit den Fingern in frisch gemalte Gemälde zu greifen. Durch ein zufälliges Zusammentreffen erkrankte auch sein Bruder Xavier an Zirrhose. Diesselbe Krankheit wurde für die beiden Brüder todbringend. 

Auch die Isoliertheit seines neuen Wohnsitzes vergrößerte seine Einsamkeit. In den letzten Jahren nahm Antonio an sehr wenigen Veranstaltungen teil, besonders im Vergleich mit seinen bisherigen Gewohnheiten. Im Jahre 1977 gründete er zusammen mit einigen Ex-Kollegen aus der "Gruppe'70" eine Kunstzeitschrift "Visual" und wurde für einige Zeit ihr Direktor. Kurz vor seinem Tod übernahm er die künstlerische Leitung einer neuen Galerie in Florenz. Alles in allem, endete Buenos Karriere noch einsamer, als sie begonnen hatte: ohne Anhänger, ohne Schüler, ohne richtige Verbündete und sogar ohne seinen Bruder Xavier, mit dem er praktisch sein ganzes Leben lang aus der Entfernung wetteiferte (Xavier starb fünf Jahre früher als Antonio, im Jahre 1979). Außer seiner Teilnahme an einigen Ausstellungen der Florentiner Maler der neuen Generation (Luca Alinari, Fabio de Poli, Giuliano Ghelli), beteiligte er sich im letzten Jahrzehnt seines Lebens praktisch an keiner kollektiven Ausstellung.

Die Ruhe seines Wohnsitzes in Montereggi ermöglichte es aber dem Künstler, sich neben der Malerei auch mit anderen Dingen zu beschäftigen. In Wirklichkeit hegte er immer eine bestimmte Sympathie für die Architektur und literarische Tätigkeit. Im neuen Haus stellte er seine Fähigkeiten im Projektieren unter Beweis, indem er jedes Zimmer in eine Baustelle verwandelte und jede Einzelheit, die ihm nicht gefiel, immer wieder zerstören und neubauen ließ. Auf diese Weise gelang es ihm, wenn er auch sein Werk nicht vollenden konnte, seinen Wohnsitz bedeutend zu verschönern. Außerdem legte er auch einen großen Garten an.

Was die literarische Tätigkeit anbetrifft, hatte sich Bueno damit immer beschäftigt, schon seit den ersten Jahren seiner Karriere, als er mit großer Sorgfalt Artikel, Programmtexte, Kataloge und natürlich Tagebücher schrieb. Und jetzt hatte er endlich die Möglichkeit, eine Autobiographie zu schreiben. 1983 begann er, die eigenen Erinnerungen aufzuschreiben, die mit der Beschreibung seiner Ankunft in Italien zusammen mit dem Bruder Xavier und der Mutter im Dezember 1939 anfingen. Es gelang ihm, nur über die ersten zwei oder drei Jahre seines Aufenthaltes in Florenz zu erzählen. Diese hundert Seiten stellen eine interessante und informative Lektüre dar.

Sein Arbeitsrhythmus ließ aber anderen Beschäftigungen kaum Freiraum. Selten fand er zum Beispiel Zeit zum Reisen. Und gewöhnlich nahm er auch auf seinen wenigen Reisen Pinsel und Palette mit. Mit sechzig Jahren konnte er als Gast seines Bruders Guy eine kurze Zeit in Spanien, seinem Heimatland, nach einem ganzen Leben des mehr oder weniger freiwilligen Asyls verbringen. Es war aber zu spät, an eine "Rückkehr zu den Wurzeln" zu denken. Antonio unternahm keine Versuche in dieser Richtung, wie er auch nie ernsthafte Versuche unternommen hatte, das spanische Publikum mit seinem Schaffen bekannt zu machen. Alles in allem, war seine Verbindung zur Schweiz, seinem alten "Adoptivvaterland", fester als die zu Spanien. Zum letzten Mal besuchte er die Schweiz im Jahre 1977. 

Auf einer Einzelausstellung 1978 in der Galerie Spagnoli in Florenz stellte Bueno dem Publikum zum ersten Mal seine D'après-Bilder vor. Diese Arbeiten, Imitationen oder Neubearbeitungen bekannter Gemälde aus vergangenen Zeiten, beschäftigten den Künstler in den letzten Jahren seines Lebens und wurden schließlich zum wichtigsten Teil seines reifen Schaffens. Die Richtung D'après und das Interesse für das Zitieren im allgemeinen waren für Bueno keine Neuentdeckung. Davon zeugen auch einige frühe Werke des Künstlers wie z.B. D'après Dürer von 1939.

Auf diese Weise schuf Bueno ab 1976 D'après-Bilder der Werke von Seurat, Giorgione, Tizian, Leonardo da Vinci, Boucher, Campigli, Klee, Picasso, De Chirico und anderen Malern. Etwa ab 1980 zeigte sich in seinem Schaffen eine grenzenlose Bewunderung für das Schaffen Ingres. Bueno wurde zu einer Art "postumen Schüler" des französischen Malers. 

Antonio Bueno vollendete seine Karriere im künstlerischen Zenit: die größte Anerkennung fand er am Lebensende. Man kann sogar sagen, dass er nicht einmal die Zeit hatte, seinen Erfolg und seinen Ruhm richtig zu genießen. Der Tod, im September 1984, entriss ihn mit vierundsechzig Jahren, in vollem Ruhm, als er schon auf dem Weg war, einer der größten italienischen Künstler zu werden. Einige Freuden konnte er aber trotzdem noch erleben. Vor allem war es die große antologische Ausstellung, die ihm zu Ehren 1981 im Palazzo Strozzi in Florenz stattfand. Das Publikum konnte sich nicht nur mit der riesigen Anzahl der Werke aus allen Schaffensperioden bekannt machen, sondern auch das Atelier des Künstlers besichtigen, das in den Räumen der Nuova Strozzina sorgfältig rekonstruiert wurde, und den Maler selbst bei der Arbeit betrachten. Aber zum größten Erfolg des Künstlers wurde die Biennale in Venedig 1984, wohin er von Giorgio di Genova eingeladen wurde und wo er eine Reihe seiner Hauptwerke ausstellte (vor allem d'Après), die ohne Zweifel der Gipfel seines Altersschaffens genannt werden können. Das war einige Monate vor seinem Tode, als er bereits schwerkrank war.

Das Interesse für das Schaffen von Antonio Bueno ließ nach seinem Tode nicht nach. Im Gegenteil, es nahm weiter zu. Wie könnte man sich sonst die neuen Veröffentlichegungen und Ausstellungen erklären? Auch die Herstellung eines Gesamtkatalogs seiner Werke ist die Bestätigung dafür. Die Erforschung und die Würdigung des Schaffens dieses Malers halten noch zwanzig Jahre nach seinem Tod unvermindert an.